Freitag, 21. Juli 2017

KUNST und Künstler-Typ Nr. 3

👪 Viele Vorstellungen vom Künstler 👪

Es gibt viele verschiedene Vorstellungen vom Künstler und vom Künstler-Sein. Die wohl treffendste, oder um ehrlich zu sein, diejenige, die sich am wohlwollendsten anhört, aber trotz allem noch zutreffend ist, lautet: Er ist ein Suchender.
Dabei ist „Suchender“, wenn man einmal etwas darüber nachdenkt, auch nichts wirklich Positives – allerhöchstens ist es von anderen anerkennend gemeint, für die es völlig unbegreiflich ist, wie man so eine Art zu leben, freiwillig wählen kann.

Der Künstler als "Suchender" 🔎

„Suchender“ bedeutet nämlich, dass der Künstler sich permanent auf der Suche befindet nach einer Aufgabe, die erst einmal nicht erkennbar ist, oder was noch entmutigender ist für denjenigen, der versucht Kunst zu machen, für deren Existent es nicht einmal einen Anhaltspunkt gibt.
Ausschließlich die Selbstüberzeugung, die ein jeder gute Künstler wesensmäßig besitzt, liefert ihm Indizien, lässt ihn an der Existenz einer Aufgabe nicht zweifeln.
Ein solcher Suchender verdient aber nicht Mitleid, wie man es Kafka-Figuren gern entgegenbringt. Schließlich verweigert er sich ja freiwillig klaren Strukturen, die auch klare Aufgaben mit sich bringen würden, um sich der Kunst zu widmen, deren Merkmal nun mal eben ist, dass es keine Anleitung gibt, wie man sie am Besten erzeugt.
Welche Auswirkungen hat das auf ein Leben?
Wenn es keine klare Aufgabe gibt, dann gibt es auch keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit, dann gibt es auch keinen Anfang und kein Ende und kein bewusstes Erfahren von Gelingen und Scheitern.

Der "Verwahrloste" 🍕 

Es gibt Typen von Künstlern, die sich deshalb treiben lassen, die nur darauf warten, inspiriert zu werden, für die der Umstand, dass man Inspiration nicht erzwingen, dass man bei Kunst nichts erzwingen kann, eine Legitimation für minimalen Einsatz darstellt. 
Sie sind schuld an Bild Nr. 1, das vom Künstler kursiert: Der „Verwahrloste“.
Auch wenn es den Anschein haben mag, bezieht sich „Nr. 1“ hier nicht, auf dessen Verbreitung oder Vorkommen, sondern meint bloß, dass dieser Typ der Erstgenannte hier im Text ist. Tatsächlich aber würde ich die meisten, die Künstler werden wollen und mir im Laufe meines Studiums begegnet sind, trotzdem zu diesem Typus zählen.
In Wahrheit aber bedeutet Kunst machen, permanent um einen Ausgleich bemüht sein zwischen Sich-Treiben-Lassen und Warten auf Inspiration auf der einen Seite und trotzdem ein klares Ziel zu haben, das man nie aus den Augen verliert, auf der anderen.
Permanent um einen Ausgleich bemüht sein zwischen Inspiration und Eingebung einerseits und  mentaler Stärke und Fokus demgegenüber. Zwischen offen zu sein und durchlässig und deren Gegenteil: rücksichtslos und unerbittlich. Und zusätzlich noch damit klar kommen, dass es keine Aufgabe gibt.

Der "Getriebene" 🐝

Am Besten dafür geeignet ist wahrscheinlich Künstlertyp Nr. 2: „Der Getriebene“. 
Wie ein Gejagter fühlt sich jeder, der Kunst macht – auch wenn der "Verwahrloste" vielleicht ein Stück weit kapituliert hat. Sich-Gejagt-Fühlen ist kein Alleinstellungsmerkmal des Getriebenen. Gejagt, weil einen das Gefühl, nicht zu wissen, was Kunst ist, nicht zu wissen, was man da eigentlich macht, nicht zu wissen, warum man sich dafür entschieden hat, nicht zu wissen, wozu man eigentlich auf der Welt ist – ein Gefühl, das sich nur mit maximalem Einsatz bekämpfen lässt – immer wieder einholt.
Der Getriebene unterscheidet sich aber insofern von anderen Künstlertypen, dass er dieses Ankämpfen bis zur absoluten Selbstaufopferung betreibt, ihm alles andere hintanstellt. Er macht Kunst nicht, weil er glaubt, etwas Besonderes zu sein, sondern weil er es tun muss.

Kunst ist für ihn am schwächsten verbunden mit Bildern von Glanz, Ruhm und Popularität. Dementsprechend steht bei ihm beim Kunst-Machen am Ende auch nicht persönlicher Gewinn", wie zum Beispiel durch Kunst die Grundlage für den Glaube an sich selbst aufrechtzuerhalten, sondern sein größtes und vielleicht sogar einziges Bedürfnis ist es, so viel zu produzieren, wie möglich und damit seinen Trieb zu befriedigen.

Das "normale" Mitglied der Leistungsgesellschaft 👔

Auch wenn ich Typ Nr. 2 für seine Kraft, Energie und Unermüdlichkeit bewundere, hat auch er es nicht geschafft herauszufinden, wie Kunst geht, wie Kunst-Machen funktioniert und führt für mich deshalb auch kein funktionierendes Leben. Weil er immer noch damit kämpft, etwas tun zu müssen (auch wenn es bei ihm aus einem inneren Drang heraus geschieht) von dem er gar nicht weiß, was es ist. Vor allem, weil bei ihm Einsatz, Aufwand und Ergebnis nicht in einem rechten Verhältnis zueinander stehen.
Ich möchte deshalb gerne einen dritten Typ Künstler präsentieren, für den ich mich halte, der einem romantischen Bild viel, viel weniger entspricht als die ersten beiden, weil er Teil der Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft sein will.
Inwieweit unterscheidet sich dieses Künstlerbild Nr. 3 von anderen, inwieweit muss für dieses andere Bild vom Künstler vielleicht auch das Konzept von Kunst geändert werden?
Dazu folgende Gegenfrage: Was macht Mitglieder einer Leistungsgesellschaft aus? Antwort: Deren Aufgaben.
Und was ist oberste Priorität in dieser Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft? Antwort: Effiziente Aufgabenbewältigung.

Selbstoptimierungsformel Kunst

Künstler Nr. 3 ist also einer, dem es bei Kunst um Effizienz geht – auch wenn das wie ein Widerspruch ins ich selbst klingt, weil Effizienz und nicht zu wissen was Kunst ist ja komplett gegenteilig sind. Um Effizienz verbunden mit einem positiven Lebensgefühl, das naturgemäß dadurch abgeschwächt wird, dass man zu bewältigende Aufgaben (noch schlimmer, wenn es sich dabei zusätzlich noch um die eigene Lebensaufgabe handelt) immer wieder ratlos gegenüber steht.
Es geht hier also gar nicht ausschließlich darum, dass Typ 3 sich dadurch auszeichnet, dass er Teil der Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft sein will, sondern dass er als Konsequenz aus diesem Wunsch, einen Weg gefunden hat, Kunst effizient zu machen.
Wie immer an dieser Stelle (zum Nachmachen) nun die Art und Weise, wie ich, Künstler Nr. 3, ans Kunst-Produzieren herangehe: Weil ich genauso wie alle anderen nicht weiß, was Kunst ist, wie Kunst-Machen geht, dieser selbstgestellten Aufgabe, jetzt Kunst zu machen, immer wieder völlig ratlos gegenüberstehe, suche ich mir Ziele, die es zu erreichen gilt, zu erledigende Aufgaben, die außerhalb des Bereichs Kunst liegen. Ziele und Aufgaben, für die es einheitliche, klare und eindeutigere Maßstäbe gibt, als es sie fürs Kunst-Machen gibt. Versuche diese Aufgaben zu meiner vollen Zufriedenheit zu erfüllen, um dann das gute Gefühl, bereits etwas geschafft zu haben, aufs Kunst-Machen übertragen zu können, um mit diesem guten Gefühl bereits etwas geschafft zu haben, die viel größere Aufgabe „Kunst-Machen“ anzugehen.
Kunst bedeutet für mich, jeden Tag das Beste aus dem eigenen Leben herauszuholen, um – wenn schon niemand genau sagen kann, was Kunst ist – zumindest die optimalen Voraussetzungen für die Herstellung von Kunst zu schaffen. Auf diese Weiße wird Kunst zur Selbstoptimierungsformel. Künstler Nr. 3 ist der selbstoptimierte Künstler.
Ich bin deshalb der festen Überzeugung, dass es bei Kunst gar nicht so sehr um die Herstellung von Kunstwerken geht – ich würde es sogar so weit zu spitzen und behaupten, dass es sich bei Kunstwerken gar nicht um Kunst handelt – sondern dass es Kunst ist, einen Weg zu finden, eine Herangehensweise, eine Formel, Selbstoptimierungsformel zu entwicklen, mit der man alles mögliche schaffen könnte, nicht notwendigerweise ausschließlich nur Kunst.

Klare Maßstäbe

Kunst machen bedeutet, das ist richtig, dass man sich alle Aufgaben selbst stellen muss, dass alles aus einem selbst herauskommen muss. Doch wenn man sich bewusst gegen das System entscheidet, hat man natürlich auch, mehr Zeit als andere, die Teil des Systems sind, die in das System eingebunden sind, denen darin eine Aufgabe zukommt, an die Erwartungen geknüpft sind. Dementsprechend darf auch mehr erwartet werden. Ich – vielleicht unterscheide ich mich darin von anderen Künstlern –  möchte gerne mit den selben Maßstäben bemessen werden, wie andere Leistungsträger. Denn Künstler ist für mich nicht, wer am Ende des Tages, des Monats oder Jahres es schafft, etwas zu Stande zu bringen, das von anderen zu Kunst erklärt wird. (Lasst uns mal nicht so anspruchslos und leicht zufriedenzustellen sein! Schließlich wird, wenn man im Grunde alle Zeit der Welt hat, wenn man mehr Zeit hat als alle anderen für sich, für die eigenen Ideen, Wünsche, Träume, mehr Zeit hat für Unsinn, am Ende immer irgendwas rauskommen. Auch wenn man noch so lange braucht, sich selbst aufzuraffen. Selbst diejenigen, die auf Inspiration warten, werden irgendwann das Gefühl haben, genug gewartet zu haben.)
Die
Leistung ist nicht das Sich-Aufraffen, es zählt also nicht, dass man schafft, sich selbst aufzuraffen, um Kunst zu machen, sondern es kommt auf die Art und Weise der Lebens- und Aufgabenbewältigung an, das heißt, wie gut man sein Leben strukturiert, wie man Aufgaben zur eigenen Zufriedenheit erfüllt, die sich messen lassen muss an der Art und Weise, wie erfolgreiche Menschen, die in das System und herkömmliche Strukturen eingebunden sind, ihr Leben bewältigen. Nur wer dann im direkten Vergleich immer noch mehr leistet als andere, Bedeutenderes, Einflussreicheres schafft, der ist ein echter Künstler. Alle andere sind bloß Leute, die sich fürs Kunstmachen entscheiden haben, statt für andere, geregeltere Dinge – und bestimmt keine Künstler.




Freitag, 30. Juni 2017

KUNST macht das Leben reicher!

KUNST macht das Leben reicher!

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung "Höhenluft #13" mit Werken von Janis Eckhardt, Jordan Madlon und Martin Pöll im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen (14.06.2017)



Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was Kunst ist. Aber alle, die du fragst, welchen Effekt Kunst in ihrem Leben hat – egal ob Kunstkonsumenten oder Künstler – werden in Einem übereinkommenKunst macht das Leben reicher.
Das ist die Gemeinsamkeit zwischen Künstlern und Leuten, die Kunst  bloß konsumieren. Zwischen dem, was Künstler und Leute, die Kunst bloß konsumieren, über Kunst denken: Kunst macht ihr Leben reicher.

Egal ob sie spontan antworten oder ewig nachdenken, „Kunst macht das Leben reicher“ wird ihrer Meinung nach die am besten geeignete Antwort sein.
Und Kunst macht das Leben reicher ist im ersten Augenblick ein so starker Satz. So herrlich einfach und hat gleichzeitig etwas Magisches – wie gute Kunst selbst also.

Nichts, könnte man meinen, bringt so treffend, wie dieser kurze Satz, die Wirkung von Kunst auf das Leben der Menschen auf den Punkt. Und wenn sich darin sogar alle einig sind, weil ja alle das gleiche antworten – zwar unterschiedliche Illustrationen liefern, wie genau Kunst ihr Leben reicher macht, die im Kern jedoch alle genau das gleiche ausdrücken –, dann muss es sich dabei wirklich um die wahre Bedeutung von Kunst handeln: Kunst macht das Leben reicher.

Gleichzeitig ist er aber ziemlich unmutig und leer und hört sich, wenn man genauer darüber nachdenkt, so an, als hätten alle, vor allem das Kunstpublikum, das Wörtchen „reicher“  nicht verwendet, weil sie damit etwas Konkretes sagen wollten oder ausdrücken könnten, sondern bloß aus Ehrfurcht vor der Kunst beziehungsweiße davor, was sie sich unter Kunst vorstellen. Sodass ihnen jede andere Zuschreibung, abgesehen von „reicher“, unangemessen vorgekommen wäre.

Daher kommt es auch – weil dieser Satz so magisch klingt und so unmutig zugleich ist –, dass er sich anhört, wie einer jener Sätze, die in Interviews in Hochglanzmodemagazinen, fett gedruckt und farblich hervorgehoben wurden, neben Abbildungen des Künstlers im Grobstrickcardigan, mit einem Coffeetable-Book auf dem Sofa lümmelnd, im cleanen Studio oder vor einer schönen Kulisse. In den selben Hochglanzmodemagazinen, in denen man auch Artikel über Ivanka Trump findet.
Zwischen „Kunst macht das leben reicher“ und dem Hashtag „WomanWhoWork“, der am Label der Highheels von Ivanka Trump klebt besteht kein Unterschied. Man könnte bei „Kunst macht das Leben reicher“ genauso auch an Highheels, lackierte Fingernägel und an Ivanka Trump. „Kunst macht das Leben reicher“ könnte auch ein Wandtattoo sein.



© Amazon
Ist das nun eine Armutszeugnis für die Kunst? Heißt das, dass es sich bei Kunst, Mode und Werbung um dasselbe handelt? Dass die Kunstindustrie genauso oberflächlich ist, wie die Werbe-oder Modeindustrie? Oder heißt es, dass hinter „Kunst macht das Leben reicher“  – auch wenn dieses „reicher“ mit einem „mode-„ oder „werbeschön“ gleichzusetzen ist – tatsächlich die wahre Wirkung von Kunst steckt und dass sich hinter begriffen, wie „Schönheit“, „Genuss“ und „Anspruch“ – im Englischen klingen sie noch besser: „wealth“, „beauty“perfection“ – die selbe gleiche, tiefe, wahre Bedeutung verbirgt, wie hinter „Kunst macht das Leben reicher“.

Es geht doch bei der Vorstellung, die alle Antwortgeber davon haben, was Kunst bei ihnen oder in ihnen bewirkt, die alle Antwortgeber vom Effekt der Kunst haben, seien es Produzenten oder Konsumenten, vor allem darum, dass Kunst (1) mit einem selbst etwas macht und (2) Kunst das Leben lebenswerter macht. Die Zeit nicht mehr davonrennt, angehalten wird, wenigstens für den Moment des Kunstgenusses beziehungsweiße für den Zeitraum des kreativen Schaffens (im Falle des Produzenten) oder besser gesagt, dieses Verrinnen der Zeit durch eine Überfülle an Eindrücken kompensiert wird, sie in besonderem Maß stimuliert werden, sich besonders intensiv mit ihren Träumen, Wünschen und Sehnsüchten befassen können und daraus resultierend zufriedenere, interessantere glücklichere oder zumindest erleichtertere Menschen werden.

Von Kunst versprechen wir uns also das, was uns von der Mode und der Werbung versrochen wird.
Es geht um ein besseres Leben, darum zu einem besseren Mensch geformt zu werden, es geht darum, das Beste aus dem Leben zu machen.

Aber das ist nur ein mögliches Beispiel, eine mögliche Definition von Kunst... Ich gebe ihnen noch eine andere: Große Kunst, sagt man, ist etwas das einen ganz heftig, tief im Innersten berührt, man spricht vom Erhabenen. Große Kunst ist so wie Barack Obama.
Auf Youtube findet sich eine Rede von ihm, die er im Juni 2015 in einer Kirche in Charleston gehalten hat, nachdem dort, in Charleston, eine 21-jähriger Weißer neun Schwarze getötet hat.
Obama endet seine Rede damit, dass er dreimal „Amazing Grace“, „Amazing Grace“, „Amazing Grace“ sagt. Und stimmt am Schluss, womit keiner gerechnet hat, das Lied „Amazing Grace“ an, und alle stehen auf, reißen die Hände nach oben, fangen an zu applaudieren, bekommen Tränen in den Augen und fangen an mitzusingen. Und ich selbst war beim Anschauen so gerührt wegen Obama, dass ich auch Tränen in den Augen hatte. Auch das ist für mich Kunst.


Omama singt "Amazing Grace"

Ich kann ihnen nur erzählen „Kunst macht das Leben reicher“, aber sie spüren, wenn sie das Video nicht gesehen, nicht das, was ich gespürt habe, und wer nur das Video gesehen hat, spürt nicht dasselbe, wie die Leute, die live dabei waren als Obama „Amazing Grace“ sang. Hier und heute aber (Anm.: Gemeint war die Ausstellung.) haben Sie die Möglichkeit live zu sehen und live zu spüren, ich würde sogar zu behaupten, live zu sehen und zu spüren, was Kunst ist.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Aus aktuellem Anlass: Biennale-Kritik



Das Nichts-Tun feiern 😤😤😤

Kunstwerke sind dann am Besten, wenn sie einem vorführen, was Kunst ist. Bei diesem Versuch sind auf dem Arsenale-Gelände der diesjährigen Venedig-Biennale alle gescheitert. Schon lange bin ich nicht mehr so enttäuscht worden, wie von der von Christine Macel kuratierten Hauptausstellung der diesjährigen Biennale "Viva Arte Viva".
Macel hat in Interviews zwar viel davon gesprochen, zwischenzeitlich wohl aber vergessen, worum es bei Kunst wirklich geht. 
Von In-Sich-Gehen, Sich-Seiner-Selbst-Bewusst-Werden, Intensität, Ekstase, dem Moment des Aus-Sich-Heraustretens, Bewusstseinserweiterung, Zeit und Freiheit war in ihren Antworten immer die Rede. Zeigen, welchen Bezug der Künstler zur Zeit hat und was er mit ihr anfängt. Seinen Blick auf die Welt hält sie für außergewöhnlicher als die anderen, weil er erfindungsreich und unabhängig ist. 
Das alles gipfelt zu meinem großen Missfallen in einer Umwertung (Aufwertung) der Vorstellung vom Nichts-Tun. Hier lässt man das kreative Nichts-Tun hochleben.
Die Blicke der Künstler, die sie ausgewählt hat, könnte man auch deshalb für außergewöhnlich halten, weil diese zu sorglos, zu umambitioniert, zu uneitel sind. (Dabei handelt es sich dann um eine Umwertung von "außergewöhnlich" nach Macels Manier. Nur umgekehrt.)

Kunstwerke sind am Besten, wenn sie vorführen, was Kunst ist

Das führt mich zurück zu meiner Behauptung vom Anfang: Kunstwerke sind dann am Besten, wenn sie einem vorführen, was Kunst ist. Das impliziert, dass es sich bei Kunstwerken selbst nicht um Kunst handelt.
Kunst ist etwas, das direkten Einfluss auf das Leben hat. Ich bin mir allerdings noch nicht ganz sicher, ob es sich dabei um eine Anspruchshaltung ans Leben handelt, im Sinne, dass Kunst für ein besseres Leben steht, dass es darum geht, das Leben "kunstwürdiger" zu machen oder ob Kunst nicht schon allein der Wunsch dies zu versuchen, zu erreichen ist und alles wovon dieses Bestreben sich nährt – so wie der künstlerischen Ansatzes beim Künstler. Also das, was hinter seinem Kunstschaffen steckt. 

Es reicht nicht, wenn Kunstwerke nur davon handeln

Es reicht nicht aus, wenn Kunstwerke nur von Intensität, Bewusstseinserweiterung und Zeit handeln. Kunstwerke müssen einem Lust machen mit Kunst Einfluss auf diese Bereiche zu nehmen und einem vorführen, wie es geht.
Kunst kann wirklich das Leben verändern, weil der Blick des Künstlers – da bin ich mit Macel einer Meinung – tatsächlich außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich, weil er auf das Wesentliche im Leben gerichtet ist, das Elementare, Grundlegendste. Kunst ist das Elementare und Kunst-Machen ist dessen Ausgestaltung. Doch an dieser Stelle erliegt Macel einem fatalen Missverständnis. Das Grundlegendste kann selbstverständlich auch das Streben nach dem Größtmöglichen sein. So wie ich es mit meiner Kunst versuche.

"Wesentlich" und das Wesen falsch verstanden 😴😴😴

Das tut der Künstler hier aber nicht. Nochmal: Sein Blick ist deshalb außergewöhnlich, weil er zu sorglos, zu umambitioniert, zu uneitel ist. Er ist verliebt ins Schlafen, nicht ins Schaffen. 
Es hat den Anschein, als handele es sich beim Wesentlichen hier bloß um Begeisterung für Materialen, fürs Schaffen mit den Händen, Begeisterung für andere. Sich mehr für andere interessieren als fürs eigene Vorankommen, als fürs eigene Künstler-Ego. So sehr für andere interessieren, dass einem nicht vorgeworfen werden kann, dass man am Ende nicht wirklich etwas geschafft hat.
Nur: Ist das wirklich das Wesen des Künstlers? Und: Streben nicht auch die Benachteiligten, um die es hier so oft geht, nach dem Allergrößten? Nur eben innerhalb ihrer eigenen Schranken. Ist das dann nicht sogar mehr Kunst? Macht sie das nicht sogar mehr zu Künstlern?

Mäßigung ist kein Weg zur Kunst

Das Grundlegende kann auch das Streben nach dem Größtmöglichen sein und muss nicht bedeuten, das Kunstmachen auf die simpelsten Betätigungen zurückzuführen. Hier findet eine Mäßigung der Möglichkeiten statt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei Kunst ums Wesentliche geht.
Wesentlich für Kunst ist hier nicht das Ausschöpfen der Möglichkeiten, sondern Mäßigung. Zwar kann diese tatsächlich ein Bestandteil von Kunst sein, nur eben niemals in Form von Mäßigung der Mittel oder der Einsatzmöglichkeiten. Ausschließlich Sich-Selbst-Mäßigen als Selbsttherapie gegen die Unsicherheit beim Kunst-Machen, gegen das Unwissen über Kunst, bei denen es sich leider um Wesensmerkmale der Kunst handelt, ist erlaubt.
Wenn man nie wirklich kann, sondern immer nur versucht, immer nur darauf wartet endlich zu können, führt man automatisch ein bedachteres, gemäßigteres, bescheideneres und demütigeres Leben.
Sich-Selsbt-Mäßigen ist die einzige Form der Mäßigung mit der man Kunst erreichen kann und führt vor, dass Kunst bei einem selbst stattfindet, dass das Kunst-Machen mit einem selbst etwas macht. 
Keins der Kunstwerke hier hat das rübergebracht. Die sind alle so gemäßigt, dass sie mit einem selbst gar nichts mehr machen. 
Was völlig fehlt: Echte Künstler. Echte Künstler, die nach dem Allergrößten streben und bei denen allein das mit dem Mäßigen deshalb funktioniert.



Mittwoch, 21. Juni 2017

KUNST und Sich-Radikalisieren


JUGENDSCHUTZ.NET

Als Künstler kann ich verstehen, dass man sich radikalisiert. Das heißt, ich kann Terroristen in gewisser Hinsicht verstehen. Deren Fanatismus. Irgendwann im Laufe seines Lebens beginnt jeder ernstzunehmende Künstler-Anwärter damit, sich zu radikalisieren.  
Auch ich habe mich radikalisiert. Auch ich bin irgendwann zu der Ansicht gelangt, dass meine Handlungsweise extremer werden muss, dass ich extremer werden muss, um meine Ziele zu erreichen. Auch ich bin ein junger Mensch auf der Suche nach Halt, Identität und Orientierung. Auch mit Komplexen. Also anfällig dafür, mich zu radikalisieren.
Kunst war für mich schon immer ganz wichtig für meine  Persönlichkeitsbildung. Ein wesentlicher Faktor, um mich zu einer starken, unabhängigen und eigenständigen Person zu entwickeln. Früher war es für mich sogar noch wichtiger als heute, dass  andere merken, dass ich etwas mit Kunst zu tun habe und dass  meine Berechtigung für diese Zugehörigkeit zur Kunst das ist, was mich von anderen unterscheidet, was mich einzigartig macht. Dass Kunst mich einzigartig macht.
Der Grund, wieso ich mich radikalisiert habe, ist auch das Thema meiner YouTube-Videos und ein Alleinstellungsmerkmal der Kunst: Niemand weiß, was Kunst ist.
Ich bin also in doppelter Hinsicht verunsichert: Einmal, weil ich wie alle in meinem Alter nicht weiß, wie meine Zukunft aussieht und zusätzlich noch, weil ich nie wissen werde, was Kunst ist. Kunst ist es dann, wenn man über sich selbst hinauswächst,  
von sich selbst überrascht wird. Deshalb kann man als Künstler in der Kunst nie Gewissheit, nie Sicherheit erlangen, nie einen Fortschritt erreichen. Um trotzdem Kunst machen zu können, muss man sich andere Methoden, andere Wege suchen, die außerhalb des Feldes Kunst liegen. Maßstäbe in anderen Bereichen festlegen, um Zufriedenheit erreichen zu können (wenn man diese Maßstäbe erfüllt), die man dann auf das eigene Kunstschaffen projizieren kann.
Es geht bei Kunst also zuallererst nicht ums Kunst-Machen, sondern darum, eine Methode zu finden. Deshalb ist Kunst auch nicht das Kunstwerk, sondern ein Lifestyle. Und eine dieser Methoden kann sein, sich zu radikalisieren.
Was bedeutet Radikalisierung in der Kunst und für den Künstler und woher kommt sie?
Mit der eigenen Radikalisierung reagiert man bloß auf das  permanente Gefühl, nicht zu wissen, was Kunst ist. Kunst machen bedeutet übersetzt zwei Dinge:
Erstens seine Träume zu verwirklichen. Träume aber nicht im Sinne von Zielen, das heißt Dinge, die man im Leben versucht zu erreichen. Also nichts Zukunftsgewandtes. Sondern Träume, wie die Dinge, die man sich als Kind immer vorgestellt hat. Und diese versuchen zu realisieren – und zwar jeden Tag. Nur leider ist das, was man in echt schafft umzusetzen, nie so gut, wie das, was man sich vorgestellt hat. Kunst ist nie so gut, wie das, was man am Anfang im Kopf hatte. Deshalb sucht man sich Methoden außerhalb der Kunst, um das Gefühl zu bekommen, Kunst machen zu können, und ein Erfolgsgefühl (oder zumindest Befriedigung) zu erhalten, das man dann aufs Kunstmachen projizieren kann.
Zweitens: Kunst bedeutet, sich selbst erfinden. Kunst kann man nicht beherrschen, nie wirklich können, sondern man kann immer nur hoffen, immer nur versuchen Kunst zu machen.
Das hat natürlich auch Folgen auf das eigene Leben. Wenn man nie wirklich kann, sondern immer nur versucht, immer nur darauf wartet endlich zu können, führt man automatisch ein bedachteres, gemäßigteres, bescheideneres, demütigeres Leben. Selbst erfinden bedeutet dann: Man kann nie einfach ausleben, wer man wirklich ist, nie einfach man selbst sein, denn das würde Sich-Gehen-Lassen bedeuten.
Weil Kunst aber das Allergrößte für einen ist, nicht einfach nur irgendetwas, sondern das Allergrößte, Allerschönste, Allertollste, kann aber Zurückhaltung und Mäßigung, auch wenn diese angesichts des Nicht-Wissen angebracht wären, nie der Weg sein, auf dem man Kunst erreichen kann. Stattdessen entscheidet man sich dafür, sich zu radikalisieren. An die Stelle von Zurückhaltung und Mäßigung tritt das Gefühl, es sich möglichst schwer, möglichst unbequem gemacht zu haben. Das Gefühl, besser habe ich es nicht hinbekommen, das Gefühl, alles gegeben zu haben, wird ein entscheidender Faktor für Kunst.
Ich kann nicht verstehen, wie man andere Menschen umbringen kann. Aber ich kann verstehen, dass man andere hasst. Auch ich empfinde Hass auf jeden, der meine Kunstwelt zum Zusammenbrechen bringt. Kunst bedeutet nämlich, dass man sich selbst eine eigene Welt schafft. Doch je mehr man sich radikalisiert, desto schwerer fällt es, diese eigene Welt aufrechtzuerhalten, desto schwerer wird es, weiter in dieser eigenen Welt zu leben, diese eigene Welt gegen das Außen zu beschützen, nicht von anderen aus dieser eigenen Welt hinausgeworfen zu werden. Das können Menschen sein, die einem nahe stehen, Familie und Freunde, aber auch eigene Erinnerungen. Erinnerungen daran, wie man früher war, wie wenig radikal.
Isolation begünstigt große Kunst. Man sagt, dass große Kunst am ehesten dann entsteht, wenn ein Künstler sich ganz intensiv ausschließlich mit sich selbst und seinem eigenen Werk beschäftigt. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Isolation und Einsamkeit sind aber auch Beweggründe dafür, dass junge Menschen sich radikalisieren. Sind große Künstler potentielle „Einsamer Wolf“-Attentäter? Und wenn große Kunst am ehesten dann entsteht, wenn ein Künstler ganz intensiv ausschließlich mit sich selbst und seinem eigenen Schaffen beschäftigt, gibt es dann überhaupt engagierte, aktivistische Kunst?
Zurück zu dem, was ich am Anfang beschrieben habe: Niemand weiß, was Kunst ist, deshalb ist die wahre Kunst für mich auch nicht das Zufallsprodukt, das am Ende dabei herauskommt, das ohnehin nie so gut ist, wie das, was man sich vorgestellt hat, sondern der Weg zur Kunst, der künstlerische Ansatz, der einem alles abverlangt, der einen an die eigenen Grenzen gehen lässt,
der einen zwingt, alles rauszuholen. Die Leistungsformel,

die Selbstoptimierungsformel Kunst. Auch wenn das bedeutet, sich zu radikalisieren.